Wir wollen nur euer Bestes
Kritische Selbstreflexion im Umgang mit
Menschen mit einer geistigen Behinderung
Erik Bosch, Heilpädagoge, Trainer und Berater in der sozialen Arbeit in den Niederlanden,
in Deutschland und Belgien ist Verfasser von Büchern über den Umgang
mit Menschen mit einer geistigen Behinderung. Sein Thema: »Die respektvolle
Begegnung«. Bei der respektvollen Begegnung geht es ihm um drei Themen:
Grundeinstellung, Grundhaltung und kritische Selbstreflexion.
Kritische Selbstreflexion ist natürlich
das Wichtigste! »Yes we
can!«. Ja, ich kann mich kritisch selber
reflektieren! Das ist eine Chance,
dass ich mich in mich selber versetzen
darf. Mit mir begegne ich dir.
Ist das ein Glück für den Klienten
oder hat er, hat sie damit Pech gehabt?
Alles ist Beziehung. Keine Beziehung
ist auch eine Beziehung. Ich
kann still stehen bei mir selber, mit
der Intention mehr Raum zu schaffen
für einen Anderen.
Selbstbestimmung
Emanzipation, Selbstbestimmung:
Befreit sein von drückender Macht.
Emanzipation trägt zu einem Gefühl
der Selbstständigkeit bei. Wesentliche
Voraussetzung dafür ist
ein Leben mit Anderen (Inklusion)
und ein Leben wie Andere (Normalisierung).
Ein emanzipierter Mensch ist ein
mündiger Mensch. Mündig sein bedeutet,
dass man selbstständig entscheiden,
handeln und urteilen
kann, seine eigene Wahl treffen
kann und darf und dass man eine
Wahlmöglichkeit hat. Im Grunde
hat man gleiche Rechte. Ihre eigene
Meinung zählt. Ihre Meinung ist eine
eigene Meinung und darauf hört
man seriös, so, dass man Ihnen gerecht
wird. Wenn man Sie auf solche
Art und Weise behandelt, fühlen Sie
sich anerkannt («ich bin der Mühe
wert«).
Wochentags kein Alkohol
Eine Wahl treffen, sich entscheiden.
»Unsere Bewohner trinken
wochentags keinen Alkohol!« sagte
ein Betreuer zu mir. »Das sind drei
Fehler«, antwortete ich. »Wieso?«
– »Erstens: Unsere Bewohner,
zweitens: Wochentags, und drittens:
Keinen Alkohol. Und Sie gehen
nachher nach Hause.« – »Das
ist meine Absicht«, antwortete er.
»Und dann trinken Sie mit Ihrer
Frau ein Gläschen Wein.« – »Ja,
natürlich!« – »Nein, heute Abend
nicht!« – »Warum?!« – »Heute ist
Mittwoch!«, antwortete ich bestimmt.
Es wurde eben still. Ich
dachte, dass er gerade einige Wörter
hinunterschluckte: »Aber ich
bin nicht geistig behindert!«
Im Team sprachen wir über
die Regeln, über »die Macht der
Selbstverständlichkeit«, über die
Wahl, die Bewohner selber treffen
können, wie klein diese auch
sei. Über das Spannungsfeld »die
Gruppe gegenüber dem Individuum
«. Es gab einen Bewohner,
der nicht vom Kühlschrank lassen
konnte. Jetzt war der Kühlschrank
verschlossen und niemand konnte
dran. («Der Terror der Gruppe«,
sagte ein Kollege. »Nein, unser
eigener Terror«, antwortete jemand.)
Viele Gespräche folgten.
Auch mit den Bewohnern. Viele
Regeln wurden fallen gelassen und
zusammen mit den Bewohnern
wieder neu aufgestellt. Aber das
gab ein besseres Gefühl. Denn
jetzt hatte man selbst diese Wahl
getroffen. Es zeigte sich auch,
dass viele Bewohner mehr konnten,
als ihre Betreuer erwartet
hatten.
Spielräume
Über Emanzipation, Selbstbestimmung
gesprochen! Pflegebedürftige
Personen sind in gewissem
Maße vom Spielraum, den wir ihnen
geben, abhängig. Das ist eine Frage
der Grundhaltung. Je mehr Spielraum
wir uns selbst geben, umso
mehr Spielraum kann der zu Betreuende
bekommen. Der zu Betreuende
ist vom Spielraum, den wir
ihm gewähren, abhängig, um
- sein zu können, wer er ist oder
werden könnte («ich bin homosexuell.«)
- wählen zu können, was er will
(»ich esse gerne Nutella«, »Ich
will tot sein«)
- allein sein zu können (»Miriam,
komm doch zu uns in die Gruppe!
« – »Nein!«)
- ein eigenes Leben führen zu können,
nach den eigenen Normen
und Werten.
Nach den eigenen Normen und
Werten: »Der Klient steht im Mittelpunkt,
mit eigenen Normen und
Werten!« Steht der Klient wirklich
im Mittelpunkt? Ist der Klient
tatsächlich Ausgangspunkt? Können
wir uns wahrlich mit unseren eigenen
Normen und Werten zurückhalten?
Damit will ich nicht sagen,
dass alles erlaubt ist. Natürlich
nicht. Ich darf auch nicht alles.
Wenn ich angeben kann, dass jemand
sich selbst oder einem anderen
Schaden zufügt, habe ich möglicherweise
die Verantwortung, in das
Leben des anderen einzugreifen.
Vielleicht, weil ich »diesen Menschen
mag«, eine Beziehung zu ihm
habe.
Hat er kein schlechtes Gewissen?
Karin und Marcel sind ineinander
verliebt. Sie haben seit Jahren eine
feste Beziehung. Am Anfang wurde
diese Beziehung durch Mitarbeiter(
innen) der Einrichtung betreut,
danach wohnten sie selbstständig.
In einem späteren Stadium konnten
Karin und Marcel, auch auf sexuellem
Gebiet, ohne die Hilfe Dritter
gut miteinander umgehen. Es gibt
jedoch einen Punkt, der von Marcel
nach und nach als ein großes Problem gesehen wird: Karin will wohl
mit ihm schmusen, aber nicht mit
ihm ins Bett gehen. Bis vor kurzem
konnte Marcel damit leben. Sein
Verlangen nach diesem letzten
Schritt wird jedoch immer größer.
In einem bestimmten Moment erzählt
er einer Betreuerin, dass er
gerne zu einer Prostituierten möchte.
Er verlange danach und möchte
gern fühlen, wie das gehe. Er werde
es Karin jedoch nicht erzählen. »Sie
hat damit nichts zu tun!«
Die Betreuerin wird mit ihren eigenen
Normen und Werten konfrontiert.
Es bringt sie in Verlegenheit.
Sie bringt es in einem kleinen
Team zur Sprache. »Wollen wir
dafür verantwortlich sein?«, fragt
ein Kollege. Ein anderer Kollege
zeigt moralische Empörung. »So
etwas macht man doch nicht!«, sagt
er. »Sie vielleicht nicht«, sagt ein anderer,
»aber mehr als die Hälfte der
männlichen Bevölkerung geht
fremd. Warum er dann nicht?« –
»Müssen wir uns dem Durchschnitt
anpassen, diesem Betrug? Für das
Verhalten dieser Menschen bin ich
nicht verantwortlich. Wenn ich da
mitmache, fühle ich mich wie ein
Hehler. Wie kann ich das Karin verkaufen?
Er schadet seiner Freundin.
« – »Aber es ist seine Entscheidung
«, sagen einige. »Hat er kein
schlechtes Gewissen?«, ist eine weitere
Reaktion. »Inwieweit übersieht
er wirklich, was er ihr und vielleicht
auch sich selbst antut?«
Die Betreuerin bespricht diesen
letzten Punkt mit Marcel. Sie
spricht mit ihm über Karins mögliche
Gefühle. Will er ihr etwa Kummer
bereiten? Nagt es nicht an ihm,
ihr etwas vorzuenthalten, etwas Besonderes
mit einer anderen zu teilen?
Es wird auch über einen eventuellen
Streit in der Beziehung gesprochen,
und sogar über ein Ende
dieser Beziehung. Durchschaut er
das? Er kapiere das, pflichtet er bei,
es sei seine Wahl.
Wiederum entbrennt im Team
eine heftige Diskussion. Unterschiedliche
Normen und Werte
kommen zur Sprache. Schließlich
wird die Wahl des Klienten in den
Mittelpunkt gestellt: Der Klient ist
die Norm. Einige Betreuer haben
damit große Mühe.
Kennen wir die in unserem Team
geltenden Normen und Werte?
Verstehen wir einander? Wäre
schön, denn mit unseren Normen
und Werte begegnen wir den Normen
und Werten der Klienten.
Wenn wir einander nicht kennen,
wie können wir den Klienten kennen?
Übrigens: Habt Ihr in eurer Organisation
eine deutliche Grundeinstellung
formuliert in Bezug auf
Sexualität, Intimität, Beziehungen
und sexueller Aufklärung im Leben
des Klienten? Habt Ihr die gleiche
Wellenlänge? Der Klient ist unglaublich
abhängig davon!
Positiv kritisch
zusammenarbeiten
Menschen mit geistiger Behinderung
sind von unserer Grundhaltung
abhängig. Diese Menschen
sind auch sehr anhängig von der Art
und Weise, wie Sie mit Ihren Kolleginnen
und Kollegen zusammenarbeiten.
Menschen können zusammen
arbeiten und zusammenarbeiten.
Zusammenarbeiten heißt unter
anderem, miteinander beim gegenseitigen
Handeln stillzustehen. Respektvolle
Begegnung des zu Betreuenden
setzt eine respektvolle
gegenseitige Begegnung voraus.
Wir investieren auf eine positive Art
ineinander, um positiv in den Klienten
investieren zu können.
Miriam findet, dass ihr Kollege
nicht sehr respektvoll mit den pflegebedürftigen
Personen umgeht,
ehrlich gesagt, eher ausfallend ist.
Sie hat den Eindruck, dass ihr
Kollege sich wenig für diese Menschen
interessiert und diese darunter
leiden. Zu Hause, bei einem
Gläschen Wein, klagt sie darüber
bei ihrem Mann, aber auf der Arbeit
sagt sie nichts. Nicht so einfach,
ein solches Verhalten zur Sprache
zu bringen.
Sprechen wir einander auf unser
Verhalten an? Ich hoffe doch! Darauf
hat der zu Betreuende ein
Anrecht, ich selbst und meine Kollegin
/mein Kollege. Das bedeutet,
dass wir unsere starken und weniger
starken Seiten kennen, miteinander
darüber reden, unsere gegenseitige
Kraft nutzen und einander in
schwierigen Situationen unterstützen.
Einander ansprechen bedeutet
auch: Einander Komplimente machen,
einander schätzen. Ist das in
Ihrer Organisation auch so? Kennen
Sie einander gut (genug)? Kritik
ist ein kostenloser Ratschlag. Ich
kann sie annehmen, ich kann sie
aber auch zur Seite legen.
Müssen wir einander
nett finden?
Wenn wir einander Feedback geben
(machen wir das?) ist es die Kunst,
das Verhalten und die Person voneinander
zu trennen. Kritik ist nicht
dazu da (das darf ich doch wohl annehmen),
eine Person niederzumachen,
sondern sie auf bestimmte
Aspekte hinzuweisen, den Dialog,
die Verbindung zueinander einzugehen,
einzig und allein wegen dieses
einen pflegebedürftigen Menschen.
Ohne Feedback sind wir
lebendig tot.
Bei der Teambildung höre ich oft
die Bemerkung: »Das ist ja gut und
schön, einander ansprechen auf...
Aber ich habe Angst, dass die Anderen
mich dann nicht mehr mögen!«
– »Gerade das ist nicht nett«, sage
ich dann oft. »Müssen wir einander
nett finden? Das kostet viel Energie!
« Im Gesundheitswesen hat
man oft schwer am »Mythos der
Liebenswürdigkeit« zu tragen. Dadurch
können wir uns kein richtiges
Bild verschaffen und bleiben im Regen
stehen. Und die pflegebedürftige
Person fühlt sich noch einsamer.
Im Grunde höre ich mich selbst
sagen: »Wir haben ein Recht, uns
ein Bild zu verschaffen!«
Eine Bemerkung, die ich auch oft
vernehme: »Ja, aber ich habe solche
Angst, den Anderen zu verletzen!«
Meine Antwort lautet dann manchmal:
»Das finde ich sehr verletzend,
dass Sie den Anderen nicht verletzen
möchten!« Man fragt mich
dann schon mal im Spaß, ob ich vielleicht
ein Sadist sei. Meine These
lautet: Wegen des Klienten bzw. wegen
Ihrer Kollegin / Ihres Kollegen
dürfen Sie dem Anderen niemals
wichtige Informationen vorenthalten!
Gerade das ist verletzend. Offensichtlich
finden Sie Ihre Kollegin
/Ihren Kollegen nicht der Mühe
wert, ihr / ihm dieses Feedback zu
geben. Und wenn Ihre Kollegin /
Ihr Kollege sich dann verletzt fühlt,
können Sie erklären, dass das nicht
Ihre Absicht war. Lange Gespräche
folgen dann. Man beschäftigt sich
mit dem Selbstbild und dem Schaffen
eines Bildes, mit der Kraft und
Mühe voneinander.
Kritische Selbstreflexion
Kritische Selbstreflexion ist die
größte Form des Feedback. Sich
deutlich mit sich selbst zu beschäftigen,
sich selbst bewusst zu betrachten
und sich selbst zu reflektieren,
kann zur Selbsterkenntnis führen.
Selbsterkenntnis kann zu einer
Grundhaltungs- und Grundeinstellungsänderung
führen. Dieser Prozess
kann dem Klienten nutzen.
Denn alles ist Beziehung.
Mit sich selbst tritt man einem
Anderen gegenüber. Wer bin ich?
Ist es ein Glück für den Anderen
oder ist er der Dumme? Wenn man
mit Menschen (mit einer geistigen
Behinderung) umgeht, ist es notwendig,
sein eigenes Funktionieren
zu verstehen, denn davon sind Andere
abhängig.
Es ist interessant zu erfahren,
welche Wirkung Ihr Handeln auf
diesen einen Menschen hat, der Ihnen
anvertraut ist. Er muss mit
Ihrem Handeln leben, er wird täglich
damit konfrontiert. Wollen Sie
Ihr Handeln kritisch betrachten?
Füh-len Sie sich dabei wohl? Ist es eine
Bereicherung oder eine schmerzhafte
Erfahrung, Ihr Handeln kritisch
zu betrachten? Wie wirken Sie
auf Ihren Klienten oder auf Ihre
Kollegin / Ihren Kollegen? Wissen
Sie das? Sprechen Sie mit den Kolleginnen
und Kollegen darüber?
Und wenn ja: Gibt dieses Gespräch
Ihnen das Gefühl, dass dies eine
»kostenlose Beratung« ist oder ist in
dem Moment von einer bedrohlichen
Situation die Rede?
In einer Teambesprechung wird
darüber geredet, dass Albert dazu
neigt, ziemlich direkt und impulsiv
auf die Provokationen von Jörg zu
reagieren. Albert gibt zu, dass ihn
dieses Verhalten sehr irritiert und
dass es besser sei, dieses Verhalten so
schnell wie möglich zu unterbinden.
Er findet, Jörg müsse mit erhobener
Stimme ermahnt werden, sich zu
benehmen. Wenn das Verhalten zusammen
analysiert wird, stellt sich
heraus, dass Jörg um eine freundliche,
leicht steuernde Reaktion bittet.
Jörgs Verhalten bedeutet: »Ich
möchte sehr gerne deine Aufmerksamkeit,
habe aber nicht gelernt, wie
man das macht.« Hier ist eine milde
Reaktion angebracht. Ein Schwerpunkt
bei der Betreuung von Albert
wird sein, zu versuchen, die Bedeutung
hinter seinem Verhalten wegzunehmen.
Zudem muss er versuchen,
in einer gleichen Situation
milder zu reagieren. In der kommenden
Zeit wird Albert, unterstützt
durch seine Kollegen, diese
neue Haltung üben und die Übungen
in Teambesprechungen evaluieren.
Zusammen wird vereinbart,
sich für diese Übungen Zeit zu
nehmen. Alberts Haltung verändert
man nicht vom einen auf den anderen
Tag.
Aber: Es geht. Yes we can!
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