PiD: Sie stellen also eher die
Ähnlichkeit ins Zentrum Ihrer Arbeit. In welcher Art und Weise arbeiten
Sie mit geistig behinderten Menschen?
BOSCH: Ich habe als Betreuer
und als Heilpädagoge lange praktische Erfahrungen in diesem Bereich
gesammelt. In meinen Büchern setze ich mich auseinander mit der Frage,
wie wir mit Menschen mit einer geistigen Behinderung umgehen, mit Themen
wie Begegnung, Tod, Sexualität, Aggression usw. Aktuell bin ich eher im
Bereich von Fortbildungen und Tagungen für Leute tätig, die mit
Menschen mit einer geistigen Behinderung arbeiten. Im Dezember haben wir
eine große Tagung für Menschen mit einer geistigen Behinderung
veranstaltet. Das Thema lautete: „Reden über Sex“. Da haben wir mit 100
Behinderten geredet, über Sex und über Masturbation, über
Miteinander-Schlafen und Sich-zur-Wehr-setzen usw. Solche Tagungen
könnten eine gute Unterstützung sein im Sinne einer Emanzipation dieser
Zielgruppe. Und so treffe ich noch immer geistig behinderte Leute.
PiD: Wie sieht Ihr Alltag aus?
Leben Sie mit den Behinderten zusammen in einer Einrichtung oder gehen
Sie dort hin?
BOSCH: Ich habe lange Zeit mit
Behinderten zusammengelebt und sie betreut. Jetzt arbeite ich in zwei
Betrieben mit mehreren Kollegen zusammen.
PiD: Auch wenn Sie von der
Ähnlichkeit ausgehen, sehen Sie vermutlich auch Unterschiede. Wo sehen
Sie die Spezifika der Arbeit mit Behinderten, was ist das Besondere?
BOSCH: Wir gehen aus vom
Bewusstsein: ‚Wir sind uns ähnlich, wir haben dieselben Bedürfnisse’,
aber es gibt natürlich Unterschiede. So sind die meisten geistig
Behinderten abhängig von der Art und Weise, wie unsere Grundeinstellung
aussieht.
PiD: Was meinen Sie damit?
BOSCH: Darf ich ein Beispiel
geben: Johann, 40 Jahre alt, sein kognitives Niveau ist etwa im Alter
von 7 Jahren, sein emotionales Niveau liegt bei zwei: Sage ich ‚ja’,
sagt er ‚nein’! Er wohnt mit einigen geistig behinderten Leuten
zusammen, u.a. mit Joke. Joke sitzt auf dem Sofa, er auch und er steckt
seine Hände zwischen ihre Beine. Wie reagiere ich dann? In Umgebung A
wird nicht reagiert. Die Betreuerin sieht seine Erektion, reagiert aber
nicht. In Umgebung B reagiert die Betreuerin vielleicht: „He, wie
interessant“ und man fängt an mit sexueller Aufklärung. So können sie
sehen, wie diese Leute abhängig sind von unserer Grundeinstellung. Das
ist natürlich bei allen Menschen so, aber es ist sehr spezifisch für
diese Zielgruppe, denn das emotionale Niveau dieser Menschen liegt oft
bei einem Alter von 0, 1, 2, 3 Jahren. Das sieht man nicht. Johann
spricht wie Sie und ich, er hat ein gutes Vokabular, er sieht normal
aus, aber er kann sich nicht gut zur Wehr setzen. Psychoanalytisch
gedeutet befindet er sich emotional in der oralen und in der analen
Phase. Er ist sehr abhängig von einem bestimmten Betreuungsstil. Wenn
man das nicht sieht, kann man jemand überfordern. Aber dennoch müssen
wir so mit den Leuten umgehen, dass Emanzipation möglich wird, dass sie
wohnen können wie wir, dass sie leben können wie wir. Aber das erfordert
eine bestimmte Grundhaltung unsererseits.
PiD: Das ist vielleicht ein
interessanter Anknüpfungspunkt für die Frage nach den Zielen überhaupt,
also für heilpädagogische, aber auch für psychotherapeutische Arbeit.
Worauf kann so eine Arbeit denn abzielen? Ich habe verstanden, dass es
für Sie ein wichtiger Punkt ist, so viele Bereiche des Lebens wie
möglich autonom zu gestalten. Wie lassen sich die Bereiche abgrenzen?
Woran kann man sehen, in welchen Bereichen man eingreifen muss und in
welchen es gerade wichtig ist, nicht einzugreifen, die Autonomie zu
achten?
BOSCH: Auf der einen Seite
fokussieren wir auf Normalität, versuchen, den Menschen so zu begegnen,
wie wir möchten, dass man uns begegnet. Das ist die Seite der Autonomie,
die Sie erwähnt haben. Das ist an sich sehr gut: was jemand selbst
kann, das tut er selbst. Doch wo ist eigentlich die Grenze, dass ich
eingreife in das Leben eines Anderen und wer bin ich, dass ich das
mache? Das ist eine sehr aktuelle Frage. Man kann auch zu viel
normalisieren und dann gibt es „Normalisierungsterror“. Und dann lasse
ich eigentlich jemanden im Stich. Meiner Meinung nach wäre es gut, über
das Spannungsfeld nachzudenken zwischen dem, was man kann und der
Belastbarkeit. Dann sehen wir oft, dass Leute mit einer geistigen
Behinderung eben ein geringes emotionales Niveau haben. Nehmen wir z. B.
Karla. Sie ist eine Klientin von mir, 20 Jahre, sie sieht sehr gut aus,
die Männer schauen ihr nach, kognitives Niveau 7 Jahre, aber emotional
ist sie zwei. Sie schmiegt sich an alle Männer an, vor einigen Monaten
ist sie missbraucht worden. Karla sagt nun: „Ich möchte gerne ein Kind!“
Ja, - Autonomie - und ich denke: ‚Kann sie ein Kind erziehen?“ Ich sehe
es so, dass sie das nicht kann und dann greife ich ein; nicht das ich
entscheide, aber ich benutze meinen Einfluss und gebe unter anderem
sexuelle Aufklaerung. Das hat zu tun mit der Tatsache, dass ich weiß,
wie ihr emotionales Niveau aussieht, ich sehe die große Diskrepanz
zwischen der Außenseite, dem Aussehen, der Körperlichkeit, der
Beredsamkeit, aber zu gleicher Zeit ist sie ein Kleinkind.
PiD: Wenn ich nun nicht den
üblichen Zugang habe, den ich mit Menschen habe, die auf einem anderen
kognitiv-emotionalen Niveau leben, dann kommen wir zu einer wichtigen
Frage, nämlich: wie komme ich dazu, ein therapeutisches Ziel dieser
Arbeit zu bestimmen? Ich kann die Menschen nicht einfach fragen, was sie
erreichen wollen und wobei ich ihnen helfen kann. D.h. die Zielsetzung
muss ja in einer anderen Form erfolgen. Wie kommen Sie zu einer
Zielsetzung?
BOSCH: Die Basis ist
Gleichwertigkeit. Wir reden mit der einzelnen Person, wir können ja
miteinander reden. Die meisten haben Wörter, manche nicht so viele
Wörter, aber meist ist Reden möglich. Und dann geht es darum, dass wir
im Team unsere Grundhaltung anschauen. Ein wichtiger Punkt ist, sich in
die Lage eines Anderen versetzen zu können, nach der Bedeutung seines
Verhaltens zu suchen. Ich sehe ein Verhalten, aber das ist die
Außenseite. Was ist eigentlich die Bedeutung dieses Verhaltens? Wir
denken über die Bedeutung dieses Verhaltens nach und versuchen die
Geschichte des Menschen zu „lesen“. Die Kunst ist es, einen anderen
Menschen gut lesen zu können und auch mit Leuten im Team darüber zu
reden. Ich habe einen subjektiven Blick für all diese Menschen, aber
meine Kollegen auch. Wir versuchen, darüber zu reden und unsere
subjektiven Blicke intersubjektiv zu machen, so dass wir spüren, dass
wir dieselbe Wellenlänge haben. Sonst wäre dieser Mensch Opfer der
Willkür, er wäre abhängig von meinen Normen und Werten.
PID: Willkür heißt, ich würde
das übertragen, was ich denke und fühle. Dadurch dass Sie das Team
einbeziehen, werden verschiedene subjektive Blicke möglich und so kommt
Intersubjektivität zustande. Sie haben ja gerade gesagt, dass eine
bestimmte Grundhaltung notwendig sei. Wie können Menschen oder
Fachleute, die mit geistig behinderten Menschen arbeiten, diese
Grundhaltung erlangen?
BOSCH: Es hat sehr viel zu tun
mit der Frage, ob es in der Organisation, in der wir miteinander
arbeiten eine deutliche Grundeinstellung gibt. Innerhalb der
Grundhaltung ist die kritische Selbstreflexion sehr wichtig. Das ist
eine professionelle Forderung. Daher ist es so wichtig, dass man in der
Organisation miteinander darüber redet und dass man positiv kritisch
miteinander zusammenarbeitet.
PiD: Würden Sie sagen, dass
diese Arbeit grundsätzlich die Eingebundenheit in eine Organisation
erfordert, dass man Rückhalt in der Kollegenschaft hat, mit der man eine
gemeinsame Grundeinstellung teilt?
BOSCH: Das gilt im Grunde für
jeden Menschen in jeder Organisation, ob man dort mit Menschen mit
geistigen Behinderungen oder psychiatrischen Patienten oder kranken
Leuten arbeitet, es ist immer sehr wichtig, dass man zusammen eine
deutliche geteilte Grundeinstellung formuliert.
PID: Würden Sie dann sagen, es
ist eigentlich gar nicht möglich, dass man als niedergelassener
Psychotherapeut in einer Einzelpraxis mit einem/einer geistig
Behinderten arbeitet, weil da genau dieses tragende Netzwerk fehlt?
BOSCH: Ich würde das nicht so
extrem formulieren. Worum es mir geht, ist eigentlich, dass ich ohne
Feedback „lebendig tot“ bin. Ich brauche immer Feedback, auch wenn ich
alleine mit einem Klienten arbeite. Mich selber in Frage zu stellen und
mit anderen Menschen darüber zu reden, wie ich einem Anderen begegne,
das ist eine professionelle Grundhaltung. Ich denke dabei weniger an die
Supervision mit einem einzelnen Menschen. Übrigens gibt es
glücklicherweise eine Entwicklung in Holland – und soweit ich weiß, auch
in Deutschland -, dass immer mehr Leute, die geistig behindert sind,
alleine wohnen.
PiD: Eine wichtige Frage in
der Psychotherapie ist ja, was für einen Auftrag bekomme ich vom
Klienten und wie entwickle ich diesen Auftrag in einen therapeutischen
Kontrakt hinein. Ich höre von Ihnen, dass es nicht immer so einfach ist,
einen Auftrag direkt von dem Klienten zu bekommen, sondern dass die
Intersubjektivität das ersetzt, was wir sonst ‚therapeutischen Kontrakt’
nennen. Kann man das so sagen.
BOSCH: Ich glaube, dass ein
professioneller Mensch lernen kann, sich so zu entwickeln, dass er
selber auf der Suche ist nach der Bedeutung des Verhaltens des Klienten,
und dass er zurückhaltend sein kann mit eigenen Normen und Werten. Ich
bin nicht allein in der Welt, ich brauche den anderen um klar zu
bleiben. Es ist die Frage, ob ich mich selber in Betracht ziehe und wie
ich mit meinen eigenen Emotionen umgehe. Es ist gut, sich in kritischer
Selbstreflexion selber sehr gut zu beobachten.
PiD: Aber es ist doch auch
eine gewisse Lebenserfahrung notwendig, um dieses Einspüren in die
Bedürfnisse des Menschen, mit dem ich arbeiten will, möglich zu machen.
Also das Team ist dazu da, dass ich nicht einfach meine eigenen
Lebenserfahrungen, Werte und Normen übertrage, aber ich brauche
Erfahrungen und eine gewisse Standfestigkeit auch, um mich in das
einfühlen zu können, was der andere braucht. Wenn ich selbst wenig
Lebenserfahrung habe, ist mein Eindruck zumindest, würde mir diese Seite
fehlen.
BOSCH: Es geht letztlich um
die Frage: ‚Wer bin ich selbst?’ Jeder Mensch hat eine eigene Geschichte
und wie groß ist der Einfluss dieser eigenen Erziehungs- und
Entwicklungsgeschichte auf die Chance, die einer bekommt, er selber zu
sein. Und es wäre sehr gut, auch mit anderen darüber zu reflektieren,
etwa in der Intervision.
PiD: Was macht den Unterschied
in der Alltagspraxis für einen Psychotherapeuten aus?
BOSCH: An dieser Stelle möchte
ich auf etwas kommen, was wir den „Hermeneutischen Zirkel“ genannt
haben (s.Abb.). wird eingefügt

PiD: Bitte geben Sie uns dazu
einige Erläuterungen.
BOSCH: Dieses Kreismodell
symbolisiert die Persönlichkeit eines Menschen. Es stammt aus einem Buch
über sexuelle Aufklärung von Menschen mit einer geistigen Behinderung,
das ich zusammen mit meiner Kollegin Ellen Suykerbuyk geschrieben
habe[1]. Auch da kommen wir wieder auf die Kunst des Verstehens zurück.
Bei Menschen mit geistiger Behinderung sehen wir oft eine große
Diskrepanz zwischen der oberen Seite dieses Kreises, der kognitiven
Seite, der Beredsamkeit und der unteren, dem emotionalen Niveau. Viele
Leute, die geistig behindert sind, befinden sich in der oralen oder
analen Phase. Sie erfragen entweder sehr viel Bestätigung, befinden sich
in Symbiose, sind grenzenlos, oder sie sind noch immer wie ein
Kleinkind mit ihrer Identität, mit ihrer Ich-Entwicklung beschäftigt.
Das kann man spüren, denn manche kämpfen mit mir und sind mit den
Grenzen beschäftigt. Man kann sehr müde davon werden, aber es ist gut,
sich dann die Frage zu stellen, wo befindet sich dieser Mensch
emotional? Wenn ich das verstehe, verstehe ich diesen Menschen besser
und dann muss ich darüber nachdenken, wie ich jemanden betreue, der sich
emotional auf diesem Niveau befindet. Ich schlage hier einen bestimmten
Stil vor, den „oralen und analen Betreuungsstil“. Ein Mensch kann im
Umgang mit mir spüren, ob ich ihn total akzeptiere. Das heißt nicht,
dass ich alles toleriere, sondern Akzeptanz ist, dass ich ihm vermittle,
dass ich mit seiner Lebendigkeit im Kontakt bin.
PiD: Was bedeutet es, im
Kontakt mit der Lebendigkeit von jemand zu sein, der sich in der oralen
Phase befindet?
Bosch: Dass ich ihn oft
anfasse, berühre, wenn er das mag und ich bin selber auch natürlich sehr
empfindsam, ich werde auch gerne angefasst. Aber wir können Abstand
davon nehmen, denn unser emotionales Niveau ist etwas höher. Aber
stellen Sie sich nur einmal vor, Sie kommen in eine Gruppe von Leuten
und haben das Gefühl: ‚Ich bin nicht willkommen!’ - dann sind Sie
schnell zurück in der oralen Phase und fragen nach Bestätigung. Die
Menschen, mit denen wir arbeiten, fragen immer nach Bestätigung, sie
sind total abhängig von der Frage, ob wir sehen, auf welchem emotionalen
Niveau sie sich befinden.
PiD: Sie haben einmal
geschrieben: „Man spricht mehr mit dem Körper“, das heißt, dass Sie dann
in einem viel stärkeren Maße als gewohnt auch den Körper einsetzen als
Medium zur Gestaltung der Beziehung?
BOSCH: Genau, nicht nur dass
wir einander anfassen, das ist sehr wichtig, aber auch, dass wir
schauen: ‚Was sagt jemand zu mir mit seinem Körper?’ Eigentlich sagen
wir mit Wörtern nichts und gleichzeitig reden wir in der Therapie, wir
reden, reden, reden. Aber es geht nicht um die Wörter, es geht um die
Art und Weise, wie ich zur gleichen Zeit Sie anschaue, ob ich wegnicke
usw. Mit Wörtern sagt man eigentlich nicht soviel, ohne Wörter sagt man
oft mehr, ja, grenzenlos viel - aber, das sind keine Neuigkeiten, die
ich erzähle. Ohne Wörter kann man Geschichten schreiben, Bücher
schreiben und es ist gut, dass wir diese Bücher ‚lesen’.
PiD: Sie haben jetzt ein paar
Voraussetzungen genannt, die Fachleute brauchen, die mit Menschen mit
einer geistigen Behinderung arbeiten. Eine wichtige Voraussetzung wäre,
die Körpersprache erkennen und lesen zu können. Mich würde noch mal
interessieren, welche Grenzen sehen Sie in dieser Arbeit, wo würden Sie
sagen, jemand ist nicht geeignet, mit geistig behinderten Menschen
fachlich zu arbeiten?
BOSCH: Meiner Meinung nach hat
das alles damit zu tun, ob man sich kritisch selbst reflektiert. Und
dann geht es um die Frage, - einen Moment, darüber muss ich sehr gut
nachdenken- eigentlich geht es um die Frage: ‚Kann ich mich selbst
geben, will ich mein eigenes Handeln kritisch betrachten, will ich meine
eigene Sozialisations- und Entwicklungsgeschichte in Erwägung ziehen,
will ich mich selber in Frage stellen, kann ich über meine eigenen
Emotionen sprechen und reden?’ Ich möchte Ihnen hier ein Beispiel geben:
Ich arbeitete mit Menschen mit einer geistigen Behinderung und ich
hatte sehr viel Angst vor dem Tod, aber das wusste ich nicht, denn ich
hatte es unterdrückt. Ich hatte so viel Angst und ich unterdrückte
alles, also konnte ich natürlich auch nicht mit jemand umgehen, der
Angst vor dem Tod hatte. Dann wäre mein Vater beinahe gestorben, und ich
war tief erschreckt. Da entdeckte ich, dass es eigentlich um die Angst
vor meinem eigenen Tod ging. Ich habe einen Gehilfen dabei gehabt, und
ich habe dem Tod in meinem eigenen Leben Raum gegeben. Jetzt unterstütze
ich Leute, die Angst vor dem Tod haben. Das hat alles mit
Selbstakzeptanz zu tun. Ich denke, die Frage ist zentral: ‚Kann man mit
einem anderen Menschen leben und arbeiten?’ Das hat nichts zu tun mit
Menschen mit einer geistigen Behinderung, aber bei diesen Menschen
möglicherweise noch mehr. Diese Leute konfrontieren mich so sehr mit mir
selber, sie stellen sehr viele Fragen über Aggression, über Sexualität,
sie sind direkt, spontan, naiv, nicht behutsam, und die fordern sehr
schnell eine Reaktion und konfrontieren mich so besonders mit meinen
eigenen Themen.
PiD: Die Kommunikation ist
unmittelbarer, direkter?
BOSCH: Von diesen Menschen
habe ich das Ehrliche, das Direkte, das Unkomplizierte gelernt...
PiD: Was ist denn für Sie das
besonders Schöne an der Arbeit mit Menschen mit einer geistigen
Behinderung?
BOSCH: Die Begegnung, die
respektvolle Begegnung! Wenn das gelingt, ist es wunderschön. Es geht
natürlich immer um Begegnung, aber diese Leute stellen die Fragen so
direkt, auch wenn sie die Fragen nicht aussprechen. Sie sind in ihrem
Verhalten oft so unglaublich spontan und direkt. Am Anfang habe ich
nichts von diesen Leuten verstanden, aber eigentlich stellten diese
Leute mir die Frage: ‚Was macht dein Leben lebenswert?’
PiD: Was mir noch nicht ganz
klar geworden ist: In Ihrem hermeneutischen Zirkel ist ja auch die
psychische und psychiatrische Seite enthalten, was brauchen denn
Menschen mit geistigen Behinderungen von Psychotherapeutinnen und
Psychotherapeuten? Welche Ziele können sie verfolgen, was können sie
diesen Menschen geben?
BOSCH: Sehr viel! Ich bin kein
Therapeut, aber ich arbeite natürlich sehr oft mit Therapeuten
zusammen. Es geht meiner Meinung nach mehr um nonverbale therapeutische
Formen, wie z. B. psychomotorische Therapie, Spieltherapie usw., also
Formen, wo Wörter nicht so wichtig sind. Man kann natürlich auch mit
Zeichnungen arbeiten, mit Gymnastik usw. Es gelingt nicht immer, zur
Verarbeitung von Leid zu kommen, das Leid zu bewältigen. Aber man kann
doch sehr viel machen, Sicherheit geben etwa. Ich kenne einen Mann,
geistig behindert, der von drei Männern sexuell missbraucht worden ist.
Er hat ein großes Trauma erlebt und sehr viele Überlebensmechanismen
ausgebildet, sich ganz zurückgezogen, vertraut niemandem mehr. Aber
glücklicherweise hat er eine psychomotorisch arbeitende Therapeutin, und
er lernt, dieser Frau zu vertrauen. Die Therapie geht gut, dieser Mann
beginnt wieder die Grenze abzutasten und die Betreuer stellen sich die
Frage, ob es gut gehen wird mit Karl, er ist so mit den Grenzen
beschäftigt. Die Therapeutin sagt: „Nein, das geht gut! Seht ihr, wie
gut die Therapie geht? Jetzt geht er von der oralen in die Richtung der
analen Phase, lernt wieder Grenzen setzen, sich zur Wehr setzen,
Autonomie und Identität erfahren“ Aber er könnte auch bei einer
Spieltherapeutin sein und dort seine Geschichte zeichnen. Ich habe sehr
viel Respekt vor Therapeuten, die gut zusammenarbeiten mit anderen
Berufsgruppen.
PiD: Multidisziplinarität
spielt eine große Rolle in diesem Feld? Haben Sie Erfahrung oder eine
Vorstellung, wie die verschiedenen Qualitäten aufeinander abgestimmt
werden können?
BOSCH: Ja, ich stelle mir vor,
dass man überall in der Welt, aber auch professionell im Umgang mit
Menschen mit einer geistigen Behinderung mehr zusammenarbeitet. Man kann
zusammenarbeiten und zusammen arbeiten. Aber da der Klient im
Mittelpunkt steht, müssen wir zusammenarbeiten. Das heißt, dass ich
jemand konkret auf sein Verhalten anspreche, das heißt auch, jemandem
ein Kompliment zu geben. Ich war gerade vor einigen Wochen in einer
Organisation. Ich fragte: „Gebt ihr einander viele Komplimente?“ –
„Nein, das machen wir nie!“ Da habe ich gefragt: „Wie kann ein Team mit
einem Klienten zusammenarbeiten, wenn es die eigenen Qualitäten nicht
nutzt!“ Vor allem in bezug auf Psychotherapie, Verhaltenstherapie etwa
ist es doch sehr wichtig, dass jemand, der mit einem Klienten arbeitet,
weiß, was der Therapeut macht. Ich meine nicht, dass man alles erzählen
muss, ich meine, dass der andere weiß, wie die Phasen in einer Therapie
aussehen. Dann verstehe ich im Alltag die Reaktionen meines Klienten
besser. Eine enge Abgestimmtheit der verschiedenen Disziplinen wäre sehr
gut für den Klienten, aber auch für mich selbst, denn das steigert auch
die Arbeitsfreude.
PiD: Ich möchte noch einmal
auf das Thema der Konfrontation mit existentiellen Themen zurückkommen.
Sie sagen, die sind in dieser Arbeit besonders hervorstechend, weil sie
sich in unserer Mittelschichtsprache meist verstecken. Aggression,
Sexualität, Tod und Sterben - können Sie über diese existentiellen
Bereiche noch etwas sagen?
BOSCH: Wieder reden wir
eigentlich über respektvolle Begegnung, also über den Rahmen, die
Grundeinstellung. Meiner Meinung nach reden wir zu oft über einen
anderen und zu wenig über uns selber. Wenn es um Sexualität geht, bin
ich mit eigenen existentiellen Fragen konfrontiert: da ist z. B. ein
homosexueller Mann, der liebt einen anderen homosexuellen Mann und sie
wollen keine Kondome gebrauchen, ein Problem. Und dann gibt es einen
Betreuer und der hat Mühe mit seiner eigenen Sexualität. Da ist es gut,
dass man lernt, über sich selber nachzudenken, dass es einen Raum gibt,
wo man lernen kann, loszulassen. Schön, dass wir uns einig sind über die
Tatsache, dass dieser Klient im Mittelpunkt steht.
PiD: Sind eigentlich geistig
behinderte Menschen, die ja einer besonderen Obhut anvertraut sind, auch
besonders gefährdet für sexuelle Übergriffe?
BOSCH: In Holland sind 60 %
der Menschen mit einer geistigen Behinderung Opfer von sexuellem
Missbrauch.
PiD: Wie kommen Sie auf diese
Zahl
BOSCH: Zum einen meine
Erfahrung in der Praxis, zum anderen wissenschaftliche Untersuchungen in
England und Amerika, da redet man sogar über 70-80%. Das ist wirklich
schrecklich, doch es ist auch logisch, dass es so viele Opfer gibt.
Diese Menschen sind so abhängig, sie sind sehr körperlich eingestellt,
sie fassen dich an, und im Umgang mit diesen Leuten gibt es sehr viel
Berührung: man darf jemandem beim Waschen helfen oder unter der Dusche,
oder jemand ist im Bett und der sagt: ‚Ich habe so Angst im Dunkeln,
komm’ doch zu mir!’ usw.
PiD: Das heißt, man muss als
Betreuer ein sehr klares Bewusstsein der eigenen Grenzen haben.
BOSCH: Genau, ein Unterbereich
der kritischen Selbstreflexion ist die Frage nach den eigenen Grenzen
auf dem Gebiet von Sexualität, von Tod, von Aggression usw. Wenn ich die
nicht kenne, habe ich hoffentlich Kollegen und Kolleginnen, mit denen
ich darüber reden kann und die können helfen, mich und meine Grenzen zu
entwickeln. Wenn ich meine Grenzen nicht kenne, dann kann ich sie
natürlich selber auch unreflektiert überschreiten.
PiD: Wie helfen Sie Menschen
mit geistigen Behinderungen, sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen?
BOSCH: Sehr wichtig ist dann
die Frage: Wie geben wir sexuelle Aufklärung bei diesen Leuten? Die
meisten Leute mit einer geistigen Behinderung, -70 % der geistig
behinderten Männer- wissen nicht, wie man masturbieren kann. Aber sie
versuchen es, denn sie haben dieselben sexuellen Bedürfnisse wie andere
Männer. Sie berühren ihren Penis, kneifen ihn, sie machen keine guten
Bewegungen und beschädigen sich selber. Es gibt sehr viel gar nicht so
gemeinte Autoaggressionen bei Menschen mit einer geistigen Behinderung.
Ich finde es so wichtig, dass Menschen in einem Team wissen, was sie
diesen Leuten mitgeben können auf dem Gebiet von Körperbild, von Normen
und Werten, von Beziehungen und vom Wissen, wie sie sich zur Wehr setzen
können.
PiD: Es werden also auch
soziale Kompetenzen vermittelt, soweit das möglich ist, auch eine Form
von Autonomie, d. h., dass sie nicht nur abhängig davon sind, die
Sexualität von anderen Menschen zu bekommen, sondern die Möglichkeiten
für sich selbst finden können.
BOSCH: Genau, da geht es um
Selbstbestimmung, wie ich einen anderen Menschen so unterstützen kann,
dass er selbst bestimmt, ob er masturbieren will, dass er schlafen kann
mit seiner Freundin. Natürlich gibt es da auch Probleme auf dem Gebiet
der Grenzen, denn beide Leute haben ein emotionales Niveau von zwei
Jahren. Aber da unterstützen wir sie natürlich.
PiD: Können Sie noch zwei oder
drei Sätze zu Ihren Projekten sagen, darüber was Sie jetzt in der
nächsten Zeit vorhaben?
BOSCH: Sicher, ich arbeite
jetzt mit Ellen an einem Buch über „Professionelles Kommunizieren“, das
im Laufe dieses Jahres hier in Holland erscheinen wird. Auf Tagungen
über sexuellen Missbrauch rede ich auch mit Menschen mit einer geistigen
Behinderung, die sexuell missbraucht worden sind. Dann werden Ellen
Suykerbuyk und ich eine Variante des hermeneutischen Zirkels vor, die
auf die Signale in emotionalen, sozialen und körperlichen Bereichen
verweist, so dass ich sehen und spüren kann, ob jemand möglicherweise
sexuell missbraucht worden ist.
PiD: Herzlichen Dank für das
Gespräch.
Kontaktadresse: Erik Bosch, c/o „Bosch, Training
und Beratung“, Lampertheimstraat 21, 7641 DR Wierden, Niederlande, e-bosch@cistron.nl www.bosch-training-en-advies.nl |